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Denkzeichen Erzgebirge

 

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Schon im frühen Mittelalter war das Erzgebirge eine natürliche Grenze zwischen Sachsen und Böhmen. Doch dieses Gebirge war eine Grenze, die trennte und gleichzeitig verband.

Das jeweils andere Land war für beide Seiten ein wichtiger Handels- und Wirtschaftsfaktor oder in Gefahren- und Kriegszeiten ein unschätzbares Fluchtziel. Das gesamte Gebiet war aber stets auch Spielball von Macht- und Eroberungspolitik.

Nur allmählich entstanden in der rauhen Bergwelt sichere Wege und Straßen, die den Austausch von Gütern und Kultur erlaubten. Besonders wichtig bei dieser Entwicklung war das Wirken jüdischer Händler, die teilweise aus weit entfernten Regionen über solche Handelspfade hierher kamen. Handelsaktivitäten dieser Art sind bereits seit dem 10. Jahrhundert nachweisbar, als ein jüdischer Händler aus Cordoba durch das Osterzgebirge nach Prag reiste und dabei den wohl ältesten Weg, der Leipzig mit Prag verband, nutzte - den "Böhmischen Steig", der über Oederan, Gränitz, Sayda nach Most und Prag führte. Freiberg war ein wichtiger Knotenpunkt für die Frankenstraße, die nach Osten in Richtung Polen führte.

Mit den Händlern kamen Informationen, andere Weltsichten, Religionen, Kleidung, Theaterspiele, Literatur oder Medizin. Nicht nur der Austausch von Gütern förderte die Entwicklung des Landes. Die rasche Blüte der Region dank der Silberfunde im Freiberger Gebiet erforderten Handelsbeziehungen ebenso wie ein funktionierendes Finanzwesen. So verwundert es nicht, dass genau an solchen Handelswegen die ersten jüdischen Ansiedlungen der Region entstanden, denn nur diese Wirtschaftszweige waren ihnen erlaubt. Es kam Fremdes ins Land, das zugleich bereicherte und ängstigte. Mit dem wirtschaftlichen Niedergang wurden Gesetze erlassen, um den weiteren Einfluss oder gar das Bleiben solcher Fremden zu verhindern. Dabei waren die Gesetze in den erzreichen Regionen Sachsens gegen Juden besonders restriktiv. Manche dieser Entwicklungen verblüffen in ihrer Gegenwärtigkeit.

In der aktuellen Phase eines sich einenden Europas scheinen sich diese Entwicklungsschemas zu wiederholen, sind Ängste und schlimme Erwartungen weit verbreitet. Solche Ängste sind der ideale Nährboden für nationalistische Ideologien bis hin zu rechtsextremen Aktivitäten. Die Globalisierung und Öffnung der EU wird hauptsächlich mit tiefer Ablehnung wahrgenommen. Soziale Ängste verknüpfen sich auf unheilvolle Weise mit plumpen Parolen, die zu den erschreckenden Wahlergebnissen im Jahr 2004 führten. Im Raum Freiberg errang die NPD ca. 10 % und wurde damit zur viertstärksten Kraft.

Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken soll das Projekt "Erinnerungsweg" vor allem junge Menschen erreichen, um durch Kennenlernen historischer Ereignisse, die positiven Seiten und wichtigen Impulse in Geschichte und Gegenwart zu verdeutlichen.

Zweiter Kernpunkt des "Erinnerungsweges" ist es, die verheerenden Folgen der national-sozialistischen Gewaltherrschaft in der Region aufzuzeigen. Für viele scheint das Erzgebirge noch heute eine heile Welt darzustellen, in der dieses Kapitel deutscher Geschichte so gut wie nicht stattfand. Erst in den letzten Jahren gab es zunehmend Forschungsprojekte, die sich mit diesem Geschichtsbereich auseinandersetzten. Und dabei zeigte sich, dass das Erzgebirge alles andere als ein weißer Fleck dieser Geschichte war: in Freiberg, Oederan, Flöha, Hainichen und Mittweida gab es große Zwangsarbeitsbetriebe als Außenlager des KZ Flossenbürg. Tausende jüdische Frauen waren aus Auschwitz hierher gebracht worden, um für die Rüstungsproduktion Nazi-Deutschlands zu arbeiten. Mit dem Ende des Regimes mussten Juden wieder durch das Erzgebirge ziehen - zwangsweise evakuiert vor den heranrückenden Truppen aus Ost und West. Auch diese Wege sollen stärker in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt werden, um sie vor dem Vergessen zu bewahren. Außerdem soll dadurch antisemitischen Vorurteilen entgegengewirkt werden.

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