Dr. Wilhelm Wolfsohn

Zwischen Rußland und Deutschland - ein Schriftsteller der Leidenschaft
Dr. Wilhelm Wolfsohn (1820 - 1865)
Bild: Unterschrift

Bild: Dr. Wilhelm Wolfsohn Geboren wurde Karl (eigentlich Cajus) Wilhelm Wolfsohn am 20. Oktober 1820 in Odessa als Kind einer strenggläubigen jüdischen Familie deutscher Herkunft. Wolfsohns Vater stammte aus Charkow, seine Mutter aus Brody in Galizien, damals Teil der österreichisch-ungarischen Monarchie. Nach dem Besuch des jüdischen Gymnasiums in Odessa (u. a. Unterricht in russischer, hebräischer, deutscher, französischer, griechischer und lateinischer Sprache) ermöglichten ihm seine Eltern 1837 den Beginn des Medizinstudiums an der Universität im fernen Leipzig.

1839
Abbruch des Medizinstudiums; Beginn des Studiums der Geisteswissenschaften
1840
Verlobung mit der Tochter seines Hauswirts, Emilie Gey, einer Christin
1843
Promotion zum Dr. phil. der Universität Leipzig Titel der Promotionsschrift: "Die schönwissenschaftliche Literatur der Russen"
1843
zwei- jährige Reise nach Russland - Aufenthalt u. a. in Odessa, Petersburg, Charkow und Moskau
1846
literaturgeschichtliche Vorlesungen in Dresden und Leipzig
1851
Wolfsohn erhielt mit der Übersiedlung nach Dessau die Staatsbürgerschaft des Herzogtums Anhalt-Dessau; Hochzeit mit Emilie Gey, mit der er bereits zwei Kinder hatte.
1852
Übersiedlung nach Dresden; journalistische und literarische Tätigkeit
1861
erneut Reise nach Russland
1862
Herausgabe der Zeitschrift die "Russische Revue", ab 1864 in "Nordische Revue" umbenannt; Anliegen der Zeitschrift war die Publizierung neuester russischer Literatur in anspruchsvollen Übersetzungen
1863
erneut Reisen nach Rußland, u. a. auch wegen Nachsuchen um finanzielle Unterstützung der Zeitschrift
1865
13. August - Wolfsohn starb in Dresden und wurde auf dem Alten Jüdischen Friedhof in Dresden beerdigt. Den Grabstein finanzierte der Moses-Mendelssohn-Verein

Bild: Tagebuch Auszug aus dem Tagebuch, das der junge Wolfsohn 1837 bei seiner Reise nach Deutschland geschrieben hatte.

Bild: Dr. Wilhelm Wolfsohn mit seinem Sohn WilhelmAuf diesem Bild von 1862 ist Dr. Wilhelm Wolfsohn mit seinem Sohn Wilhelm zu sehen, der später Schauspieler wurde und den Künstlernamen Wolters annahm.

Bild: StammbaumStammbaum der Familie Wolfsohn/Wolters. Durch die Heirat mit einer Christin galten seine drei Kinder nicht mehr als Juden.

Bild: GrabstätteDie Grabstätte Wolfsohns war erst zu Beginn der 90er Jahre anhand eines altes Fotos wiederentdeckt worden. Der gut erhaltene Marmorstein war zu dieser Zeit umgestürzt und völlig überwuchert. Der Mendelssohn- Verein hatte dem verarmten Literaten das Grabmal gestiftet. Eine Lyra mit Lorbeer zeigt die Wertschätzung, die Wolfsohn entgegengebracht worden ist.

Bild: BlättersammlungWilhelm Wolfsohn hatte an Orten, die ihm etwas bedeuteten Blätter gesammelt und diese beschriftet. Diese Tradition wurde auch von seinen Nachfahren später fortgesetzt. Die gut erhaltene Blättersammlung ist seit dem Tod des Urenkels Wolfgang Wolters leider verschwunden und ging so der Wolfsohn- Sammlung verloren.

Dr. Wilhelm Wolfsohn verband eine enge Freundschaft u. a. mit Theodor Fontane, Berthold Auerbach und Otto Ludwig. Zu einem seiner wichtigsten eigenen Werke zählt das Bühnenstück "Die Osternacht". Unter dem Eindruck schwerer Pogrome in der Ukraine war ihm die Aufklährung über die wahren Hintergründe jüdischer Bräuche ein wichtiges Anliegen. Der Wunsch nach Gleichberechtigung und Gleichstellung der Juden in der Gesellschaft spielte generell eine entscheidende Rolle in Wolfsohns Leben. Er hoffte, in Deutschland als Bruder empfangen und behandelt zu werden. Doch er wurde von der Intoleranz, die in Deutschland gegen Andersgläubige und insbesondere gegen Juden herrschte, tief enttäuscht. Aus seiner Enttäuschung heraus veröffentlichte er 1840 ein "Taschenbuch für Schilderungen und Anklänge aus dem Leben der Juden" unter dem Titel "Jeschurun", mit dem Wolfsohn eine Art christlichjüdische Religionsunion anstrebte und zur Überwindung der Gegensätze aufforderte.

Seine zweite Leidenschaft galt der russischen Nationalliteratur.
So machte sich der sprachbegabte Literat Wolfsohn vor allem durch die Übersetzung und Publizierung dieser Literatur in Deutschland verdient. Er übersetzte u. a. die Werke Gogols, Puschkins, Dostojewskis, Turgenjews, L. N. Tolstois. Von 1843 bis 1845 weilte er in seinem Geburtsland, um Material für seine geplante russische Literaturgeschichte zu sammeln. Von ganz besonderer Bedeutung war die Entdeckung des neuen Gogol und die Diskussion um das Erscheinen des Romans "Arme Leute" von dem bis dato völlig unbekannten Dostojewski, dessen Hauptübersetzer Wolfsohn später in Deutschland wurde. In Moskau war dem Literatur- und Sprachexperten eine Professur angeboten worden. Doch diese Stelle war verbunden mit dem Übertritt zum russisch- orthodoxen Glauben. Einen solchen Schritt lehnte Wolfsohn ab.

Bild: Blatt mit WidmungDieses Blatt mit Widmung schenkte Theodor Fontane seinem Freund Wolfsohn.

Bild: TitelblattTitelblatt des Buches "Die Osternacht", die 1859 in Dresden erschien und hier auch aufgeführt wurde.

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