Jüdische Familien in Freiberg

Erinnern geschieht nicht anonym. Niemand kann anhand einer - und sei sie noch so monströsen - Zahl wie der von rund sechs Millionen ermordeter Juden eine Vorstellung von dem entwickeln, was dem einzelnen Menschen, seinen Kindern, seiner Familie, seinen Freunden und Bekannten geschah, welche Kluft 1933 in ihrem Leben aufzureißen begann, welcher Abgrund sich auftat, der die Überlebenden bis heute verfolgt.

Hier - und unter dem Menüpunkt "Stadtrundgang" - dokumentieren wir Lebenswege Freiberger jüdischer Familien (ausführlich sind deren Lebenserinnerungen und Schicksale in unserem Buch "Glück Auf, mein Freiberg! - Erinnerungen und Lebensschicksale jüdischer Bürger in den sächsischen Bergstädten Freiberg und Oederan", Freiberg 1995, enthalten).

Diese Lebensberichte zeigen, wie durch antisemitischen Rassenwahn und schließlich systematischen, bürokratisch kalt vorangetriebenen Rassenterror und Völkermord im nationalsozialistischen Deutschland Menschen gedemütigt, erniedrigt und zerstört wurden. Menschen, die Nachbarn, Mitschüler, Kollegen, Freunde, Bekannte oder einfach Bürger der eigenen Stadt gewesen waren.

Als wir unsere Recherchen begannen, wussten Jüngere so gut wie nichts mehr über diese Freiberger Familien; Ältere hatten die Erinnerung verdrängt oder ihr Gewissen damit zu entlasten versucht, dass "fast alle entkommen seien", wie uns anfangs gesagt worden war. Vielleicht wollten sie diese Unwahrheit selbst glauben, um das eigene und das Glanzbild der traditionsreichen Silberbergstadt Freiberg nicht zu trüben.

Aber: "Wir alle, ob schuldig oder nicht, alt oder jung", so hatte der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker in seiner unvergesslichen Rede vor dem Deutschen Bundestag am 8. Mai 1985 erklärt, "müssen die Vergangenheit annehmen…Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren."

Die nachfolgenden Skizzen über jüdische Familien in Freiberg erinnern an ausgewählten, keineswegs vollständigen Beispielen an das Leben und die Leistungen von Juden in und für ihre und unsere Stadt Freiberg. Sie erinnern auch daran, wie sehr ihre Herabwürdigung zu "Fremden", schließlich zu "Ungeziefer", ihre Verfolgung und Vertreibung aus unserer Stadt, schließlich die Ermordung vieler von ihnen, die Geschichte unserer Stadt mit geprägt hat.

Nichts kann ungeschehen gemacht werden. Wir können nur gegenseitig helfen zu verstehen, warum es lebenswichtig ist, die Erinnerung wach zu halten, jene nicht zu vergessen, die fast schon vergessen sind und Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz heute und in der Zukunft in unserer Stadt keine Chance mehr zu geben.

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