Jenny Schaffer-Bernstein

Eine von innen heraus echte Schauspielerin
Jenny Schaffer-Bernstein (um 1892- 1943)

Bild: Jenny Schaffer-BernsteinDie Schauspielerin Jenny Schaffer stammte aus Wien und hieß wahrscheinlich ursprünglich Eugenie. Im Künstlerbuch der Sächsischen Staatstheater wurde ihre Erinnerung an die Anfangsjahre veröffentlicht:
"Der Wunsch Schauspielerin zu werden, entstand plötzlich. Ich lernte eine Szene des Rautendelin, eine der Hedwig Ekdal auswendig und sprach diese dem in Wien gastierenden "Berliner Theater" vor. Man nahm mich als Volontärin mit. Ich durfte jeden Tag statieren und bei Hartau lernen. Zwei Monate später war ich bei Reinhardt, und Tilla Durieux wurde meine Lehrerin. Nach fünfmonatigem Studium ging ich nach Frankfurt a.Main an das "Neue Theater". Antrittsrolle: Evchen ("der zerbrochene Krug"). Die zweite Rolle: Annchen ("Jugend"), sah Geheimrat Zeiß (Karl Zeiß, künstlerischer Leiter des Staatsschauspiels) und engagierte mich für Dresden. Im August 1913 kam ich an das neuerbaute Hoftheater."
Zu ihrem Spiel im Berliner Kulturbundensemble schrieb Herrmann Einsheimer im Berliner Gemeindeblatt: "Über ihren Rang erhob sich die Aufführung besonders durch eine Leistung: durch die Josefa Jenny Schaffers. Es war ein Genuß, dieser von innen heraus echten Schauspielerin zu folgen, wie sie das Frauliche mit dem Wienerischen mischte und daraus eine menschliche Form von hintergründiger Geltung erwachsen ließ. Diese Figur war erlebt und zart erlebt: ein Meisterstück zugleichder Diskretion und Vielfalt."

1911
trat sie als Jenny Schaffer am Deutschen Theater auf.
1912
Engagement am Neuen Theater a.M.
1913
von dort engagiert ans Königliche Schauspielhaus Dresden (ab 1919 Schauspielhaus des Sächsischen Staatstheaters). Als Antrittsrolle spielte sie einen Enkel des Samuels in dem Stück "Judith".
Bis 1933
blieb sie am Schauspielhaus und gehörte bald zu den führenden Schauspielerinnen des Ensembles. Hier spielte sie u.a. die Emilia Galotti, die Recha (in "Nathan der Weise"). Titania ("Sommernachtstraum"). Jessica (in "Kaufmann von Venedig"). Belinde (in "Der eingebildete Kranke"), Lucile in ("Dantons Tod"), Euphorion (in Goethes "Faust II"), Sidselill (Schluck und Jau" von Gerhart Hauptmann), Liesbet ("Jugendfreunde" von Ludwig Fulda) und die Prinzessin in Erich Pontos Bühnenstück "Trilltrall und seine Brüder" (nach Clemens Brentano, Musik: Arthur Chitz).
1933
wurde die begnadete und beliebte Schauspielerin wegen ihrer jüdischen Herkunft entlassen. Daraufhin verließ sie Dresden und ging mit ihrem Mann, dem jüdischen Regisseur und Vortragskünstler Otto Bernstein nach Berlin.
1933
war sie eine der ersten Kräfte im Schauspiel-Ensemble des Jüdischen Kulturbundes Berlin, Hier galt sie als "grande dame" des Ensembles. Im November trat sie in Dresden mit dem Stück "Nathan der Weise" als Sittah auf.
1934
Ausschluss aus der Reichstheaterkammer. Obwohl schon nicht mehr in Dresden wohnend, unterstützt sie die Jüdische Gemeinde, indem sie an dem vorbereitenden Ausschuss zur Gründung einer jüdischen Schule mitwirkte. Im November bot sie gemeinsam mit ihrem Mann und Siegfried Lewinsky einen Rezitationsabend in der Dresdner Gemeinde an.

Jenny Schaffer stand in der Blüte ihrer Schauspielkunst, als sie von den offiziellen Bühnen verbannt worden war. In Berlin spielte sie auf der Bühne des Kulturbundtheaters zahlreiche Hauptrollen. Die Liste liest sich wie eine Kette erstrebenswerter Traumrollen, da trotz aller Verbote und Einschränkungen mit großer Leidenschaft versucht wurde, anspruchsvolle Stücke zu inszenieren.

1933
01.10. in Lessings "Nathan der Weise"
1934
04.09. in Schnitzlers "Im Spiel der Sommerlüfte"
15.10. die Lisa in Bruno Franks "Sturm im Wasserglas"
1935
21.04. Titelrolle in Shaws "Candida"
01.07. Georg Herrmanns "Jettchen" Gebert
02.10. in Hebbels "Judith"
1936
01.02. Perez Hirschbeins "Grüne Felder"
15.03. in Sophokles' "Antigone"
09.05. Schnitzlers "Komtesse Mizzi" u. "Abschiedssouper"
03.08. Franz Molnars "Große Liebe"
01.09. Jizchak Leib Perez "Die goldene Kette"
1937
05.04. Scholem Alejchems "Amcha"
02.06. Ladislaus Bus-Feketes "Jean"
01.07. Henry Bernsteins "Hoffnung"
04.09. in Ibsens "Stützen der Gesellschaft"
08.11. Eugene Scribes "Zweikampf der Liebe"
1938
04.04. Molnars "Delila"
08.05. Schulamit Bat Doris "Das Gericht"
01.09. Ibsens "Gespenster"
1939
07.02. in Shakespeares "Das Wintermärchen"
13.04. Priestleys " Menschen auf See"
16.08. Carlo Goldonis "Mirandolina"
1940
13.07. in Molieres "Der eingebildete Kranke"
14.11. Jacinto Benaventes " der tugendhafte Glücksritter"
18.11. Jacob Gordins "Die Mutter"
1941
14.06. Sancho Lopez' "Senor Alan aus dem Fegefeuer"

Dreimal gastierte sie beim Hamburger Kulturbund, mit dem sie auch in Dresden auftrat.

Bild: Artikel über einen AuftrittArtikel über einen Auftritt Jenny Schaffers im Jahr 1930

Einige Autogrammkarten aus der Zeit als Hofschauspielerin am Dresdner Staatsschauspiel

Bild: AutogrammkartenBild: AutogrammkartenBild: AutogrammkartenBild: AutogrammkartenBild: AutogrammkartenBild: AutogrammkartenBild: AutogrammkartenBild: Autogrammkarten

Bild: Jenny Schaffer als ArbeiterinNach der Schließung des Kulturbundes wurde Jenny Schaffer als Arbeiterin an einer Wickelmaschine im Berliner Glühlampenkonzern Osram dienstverpflichtet. An diese Zeit erinnerte sich ein früherer Schauspielkollege:

"Paul Hoffmann (linker Schauspieler aus Dresden) hatte sich während der Dreharbeiten zu einem Film im Berliner Atelier bei dem Schauspieler Paul Bildt, der ein guter Freund der Bersteins war, nach dem Ehepaar erkundigt. ‚Da brauchst du gar nicht weit zu gehen, sie wohnen hier in der Joachim-Friedrich-Straße…in einer kleinen Wohnung' sagte der.
Hoffmann ging hin und traf Otto Bernstein allein. Jenny Schaffer war an einer Wickelmaschine bei Osram dienstverpflichtet worden. Er trug einen Trainingsanzug. Die Nazis hatten ihnen die Kleider, Mäntel und Wollsachen weggenommen, Paul Hoffmann erinnerte sich an die Totenmaske des Heinrich Kleist, die als liebe Erinnerung an die Dresdner Zeit an der Wand hing. Da Ehepaar hatte kaum zu essen, es bekam keine Seife, keine Zigaretten. Daraufhin veranstaltete der Schauspieler in Dresden unter den vertrauenswürdigsten Kollegen eine Sammlung für die Bernsteins und brachte das große Paket nach Berlin. Das war die letzte Begegnung mit Jenny Schaffer, an die Paul Hoffmann nur mit Rührung und Schmerz denken kann."

(aus "Schauspiel in Dresden. Ein Stück Theatergeschichte bis in die Gegenwart in Wort und Bild", Berlin 1989, von Emil Ulischberger)

Bild: Ankündigung einer VeranstaltungAnkündigung einer Veranstaltung 1934 in der Jüdischen Gemeinde Dresden, zu der sie gemeinsam mit ihrem Mann Otto Bernstein aufgetreten war.

Bild: Jenny SchafferJenny Schaffer als Mahnerin - In der Rolle der Kassandra

1943 wurde Jenny Schaffer zusammen mit ihrem Mann Otto Bernstein nach Auschwitz deportiert und dort vergast.

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