Jüdisches Leben in Freiberg

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Bild: Lehnsurkunde von 1545
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Freiberger Ratsakten belegen, dass bereits im 13. Jahrhundert Juden vor den Toren der Stadt angesiedelt waren- in einem Gebiet, an das bis heute mit der Bezeichnung "Judenberg" erinnert wird.
Die "Judenordnung" Heinrich des Erlauchten von 1265 regelte eine weitgehende privatrechtliche Gleichstellung der hier siedelnden Juden mit christlichen Bürgern und deren nahezu ungehinderte Ausübung ihrer Religion. Juden hatten einen bedeutenden Anteil am funktionierenden Fern- und Geldhandel der Stadt und trugen zum schnellen Aufblühen des Handels mit Silber, und des darauf gegründeten Reichtums der Wettiner Herrschaft bei.

Bild rechts: Lehnsurkunde von 1545 erstellt von Kurfürst Moritz über den Judenberg

Bild: Bergordnung
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Mit Beginn des 15. Jahrhunderts änderte sich die Situation der Juden dramatisch. Religiöser Eifer und antijüdische Hetze begleiteten den Verlust des Geld- und Handelsmonopols der Juden, ihr Abdrängen in ärmlichen Pfand- und Hausierhandel und das Innungsverbot für Juden.
1411 wurden alle Juden aus Freiberg vertrieben. Ihr Vermögen und Besitz verfiel an Freiberger Patrizier, die Kirche und die Wettiner Herrschaft.
Im Jahr 1430 ordnete schließlich Kurfürst Friedrich der Sanftmütige die Vertreibung aller Juden aus Sachsen und Thüringen an.
"Bergordnungen" der Kurfürsten August (1554) und Christian I. (1589) verboten Juden vortan jegliches Wohnrecht in den sächsischen Bergstädten. Wer Juden beherberge oder "irgendeine Gemeinschaft mit ihnen" halte, wurde mit drastischen Strafen bedroht.

Bild rechts: Bergordnung aus dem Jahr 1589 des Kurfürsten Christian I.

Bild: Passierbrief für Prager Juden
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Fortan genehmigten die sächsischen Herrscher nur Durchreisen meist böhmischer Handelsjuden zu den Leipziger Messen und zu anderen Jahrmärkten in sächsischen Städten. Unzählige Zoll- und Steuererlasse, Wegeordnungen und Passierbriefe für Juden sicherten zusätzlich Finanzquellen und den befristeten Zugang nur begüterter Juden zum sächsischen Territorium. Willkürliche Beschlagnahmungen jüdischen Handelsgutes wurden zur Regel.
Erst unter August des Starken (1670 - 1733) erhielten einige wenige "privilegierte Hofjuden" das Recht zur befristeten Ansiedlung in der sächsischen Residenzstadt Dresden.
Noch 1835 aber erneuerte die sächsische Staatsregierung das Verbot des dauernden Aufenthalts von Juden in den sächsischen Bergstätten und ihrer "Zulassung auf Berg- und Hüttenwerken".

Bild rechts: Passierbrief für Prager Juden, erteilt von Kurfürst Johann Georg I im Jahr 1622

1846 wurde Juden das Wohnrecht in Freiberg wieder zugestanden. Die staatsbürgerliche Gleichstellung sächsischer Juden erfolgte jedoch erst 1868. Nur zögernd wagten Juden nun ihre Niederlassung in Freiberg. Jüdische Gewerbetreibende, Händler, Ärzte und Wissenschaftler zogen vor allem um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert nach Freiberg. Obwohl ihre Zahl gering blieb und nie eine eigenständige jüdische Gemeinde in Freiberg entstehen konnte, belebten jüdische Geschäfte und kleine Unternehmen sichtbar Handel und Gewerbe in Freiberg. Unter anderem das Modegeschäft "Goldene 24" und das 1914 eröffnete Warenhaus Schocken wurden zum Anziehungspunkt für viele Freiberger Kunden.

Bild: "Goldene 24"
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Die "Goldene 24" - Warenhaus von Leopold Löwenthal und später Ludwig Weinberg (historische Aufnahme um die Jahrhundertwende zum 20. Jhd.).

Bild: Dipl.- Ing. Werner Hofmann

Zwischen 1876 und 1935 studierten rund 170 jüdische Studenten an der Bergakademie Freiberg, der ältesten montanwissenschaftlichen Hochschule der Welt. Jüdische Montanwissenschaftler und Bergingenieure trugen erheblich zur internationalen Ausstrahlung der traditionsreichen Bergakademie und zum Ruf Freibergs als Zentrum der Montanwissenschaften bei.

Bild rechts: Dipl.- Ing. Werner Hofmann - Ehrensenator und Ehrendoktor der Bergakademie Freiberg (1906 - 1930 Direktor der Porzellanfabrik Freiberg, Freitod 1939)

Zu den national und international berühmtesten Absolventen gehörten z. Beispiel: Dr. Moritz Hochschild (1881 - 1965), Erzunternehmer in Südamerika; Prof. Dr. Rudolf L. Samailowitsch (1881 - umgekommen im Gulag um 1940), einer der führenden Polarexperten Russlands und der Sowjetunion; Dr. Alfred Merton (1878 - 1954), Mitbegründer der Frankfurter Metallgesellschaft AG; Dipl.-Ing. Werner Hofmann (1878 - 1939); Direktor der Porzellanfabrik Freiberg (Ausführlicher im Menüpunkt "Virtueller Stadtrundgang").

Bild: Reproschreiben NSDAP
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1933 setzte auch in Freiberg die brutale Verfolgung, Vertreibung und schließlich Vernichtung der Juden ein. Viele jüdische Familien wurden zur Flucht oder zum Selbstmord getrieben. Wem die Flucht bis 1939 nicht gelang, wurde in Ghettos und in Vernichtungslagern ermordet.

Bild rechts: Reproduktion eines Schreibens der NSDAP vom 3. August 1935 zur Erfassung von Juden.

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