Paul Adler

Hellerau - Das unverlierbare Europa
Paul Adler (1876 - 1946)

Bild: Paul AdlerHellerau- dieser Stadtteil im Norden Dresdens bekam vor allem in der Zeit vor und nach dem 1.Weltkrieg einen besonderen Klang in der Künstlerszene. Künstler aus ganz Europa, aus allen Kunstgattungen, der verschiedensten religiösen und politischen Vorstellungen kamen zeitweise hierher und erlebten eine überraschend offene Atmosphäre. Franz Werfel, Gerhart Hauptmann, Kokoschka, Else Lasker- Schüler, Rilke, Kafka, Nolde Shaw gehörten zu diesem Kreis. Der Schweizer Tanzpädagoge Emile Jaques- Dalcroze und der Theaterreformer Adolphe Appia kamen 1910 in die Gartenstadt und füllten das neuerrichtete Festspielhaus mit ihren Vorstellungen von Theater- und Tanzkunst.

In unmittelbarer Nähe zu Dresden, das eher der traditionellen Kunst verhaftet war, entstand in Hellerau ein visionärer Entwurf für menschliches Miteinander. "Mein unverlierbares Europa" hatte Peter de Mendelssohn einst Hellerau genannt. Paul Adler gehörte zu den Künstlern, die über viele Jahre in Hellerau blieben - auch als die Blütezeit bereits vorbei war. Er schrieb hier seine wichtigsten Werke.

1878
wurde Paul Adler am 4. April in Prag geboren.
1901
promovierte er zum Dr. jur.
1902
in dieser Zeit lernte er seinen späteren Freund Jacob Hegner kennen, mit dem er gemeinsam auf Wanderschaft in die Kunstlandschaft Italien ging. In Florenz lernte Adler die Witwe Anna Kühn kennen und lebte mit ihr zusammen.
1912
Geburt der Tochter Elisabeth. Adler folgte dem Ruf Hegners und zog nach Hellerau, wo Jacob Hegner seinen "Hellerauer Verlag" gegründet hatte.
1914
entstand der symbolische Geschichtenzyklus "Elohim". Die Elohim sind das biblisch- mythische Göttergeschlechter - Riesen, Engel, Titanen. Adler stellt die Frage nach dem Sinn einer göttlichen Auslese, eines besonderen "Geschlechts", dem alle Weisheit und Stärke anvertraut ist.
1914
Paul Adler als ein Vertreter des pazifistisch orientierten Expressionismus verweigerte den Kriegsdienst und jegliche Steuerzahlungen. Durch den Weltkrieg von seiner dichterischen Arbeit abgelenkt, wandte Adler sich zeitweise der Presse und der Politik zu; später übersetzte und verfasste er Arbeiten zur japanischen Literatur.
1915
In dem autobiographisch angelegten Roman "Nämlich", der von einem an sich unwichtigen Zitat Hölderlins ("Da nämlich ist Heinrich gegangen") den Titel bekam, ist der Held in einer von Geldjagd und Sexualität besessenen Welt verrückt geworden. Der Roman ist in der Sprache des Verrückten mit seinen teils närrischen , teils tiefsinnigen Gedanken geschrieben. Das Buch ist alogisch, ohne rationales Zeit- und Raumgefühl.
1916
erschien bei Jacob Hegner der Roman "Die Zauberflöte". In diesem Buch wird in Anlehnung an die mythische Tradition der Kabbala die Erschaffung der Menschheit als Zerbrechen eines Tongefäßes beschrieben, aufgrund dessen der Mensch für immer von den "ganzgebliebenen" Göttern getrennt bleibt.
1917
erschien das Buch "Vom Geist der Volkswirtschaft".
1919
schrieb Adler zahlreiche Flugblätter zur Unterstützung der Novemberrevolution.

"Jetzt war hier, kennst Du ihn?. Wenn nur die Besuche aufhören wollten, alle Menschen sind so ewig lebendig, wirklich unsterblich , nicht in der Richtung der wirklichen Unsterblichkeit vielleicht, aber in die Tiefe ihres augenblicklichen Lebens hinab. Ich habe solche Angst vor ihnen. Jeden Wunsch möchte ich ihm von den Augen ablesen vor Angst und Dankbarkeit ihm die Füße küssen wenn er, ohne Aufforderung zu einem Gegenbesuch, fortgehn wollte. Allein lebe ich noch, kommt aber ein Besuch, tötet er mich förmlich, um mich dann durch seine Kraft wieder lebendig machen zu können, aber soviel Kraft hat er nicht. Montag soll ich zu ihm kommen, mir schwirrt der Kopf davon."

(aus Brief von Franz Kafka an Milena Jesenska, September 1920)

1920
verließ er Dresden und lebte einige Jahre in der Tschechoslowakei
1923
kehrte Paul Adler nach Hellerau zurück
1925
Heirat mit Anna Kühn
1933
Nach mehreren Übergriffen durch die Nazis verließ Paul Adler Hellerau, wo er fast 20 Jahre seine wichtigsten Werke geschrieben und veröffentlicht hatte. Paul Adler ging wieder nach Prag.
1938
verließ er Prag und lebte in dem Ort Tynec in Böhmen.
1945
kehrte Paul Adler erneut nach Prag zurück
1946
Paul Adler starb am 8.Juni 1946 nach einem Herzschlag in Zbraslav bei Prag.

"Hohngeschrei: Dass der Staat wie die kriegerischen Termiten in Avorun ein notwendiges Übel oder eine üble Notwendigkeit ist. Man kann aber auch sagen ein notwendiges Gut, da ja ein Gut eben das genannt wird, was zu seinem Zweck führt. Der Zweck der bösen Welt aber kann natürlich nur ein böser sein. Diese Bosheit, o Mensch, ist dein Vaterland."

(aus Paul Adler "Nämlich" , Hellerau 1915)

Bild: Jakob Hegner mit seinen KindernJakob Hegner mit seinen Kindern. Der Verleger legte großen Wert auf die Qualität der bei ihm herausgegebenen Bücher. Er ließ die meisten Bücher, auch die buchbinderische Verarbeitung, in reiner Handarbeit und von ausgesuchten Fachleuten fertigen.

Bild: Grete FantlGrete Fantl gehörte zu den wichtigsten Künstlern Helleraus. In ihrem Haus veranstaltete sie literarische Salons und wurde deshalb auch die "Rahel von Hellerau" genannt - in Anlehnung an den Berliner Salon von Rahel Varnhagen.

Bild: Haus im Tännichtweg 22Das Haus im Tännichtweg 22 um 1920, wo sich viele Künstler trafen.

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