"Wir waren ja nur Juden..."

Grete Salus - eine Überlebende des Lagers in Oederan schrieb ihre Erlebnisse auf
Bild: Grete Salus
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Grete Salus, geboren am 20. Juni 1910 in Böhmisch-Trübau als Grete Gronner. Sie studierte in Dresden und leitete bereits mit 18 eine Tanzschule in Teplitz-Schönau. Besonders stark engagierte sich Grete Salus für den Ausdruckstanz. 1934 heiratete sie den Prager Arzt Dr. Fritz Salus. Mit dem Einmarsch der Nazis in Prag plante das Paar die Ausreise nach Indien. Dieses misslang allerdings. 1942 wurden beide nach Theresienstadt deportiert. 1944 kamen sie in das Vernichtungslager Auschwitz. Fritz Salus wurde wahrscheinlich schon auf der Rampe "selektiert" und anschließend im Alter von nur 48 Jahren ermordet.

Bild: Gedenktafel
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Für Grete Salus begann eine Odyssee. Nach einigen Tagen wurde sie mit 200 anderen Frauen aus Auschwitz in ein Arbeiterlager nach Oederan abtransportiert. Sie wurden zum Umbau einer Leinwebfabrik in eine Waffenfabrik eingeteilt. Später stand sie selbst an einer der neuen Maschinen, die jedoch nur selten funktionierte. Die Häftlinge mussten in den letzten Monaten ständige Geschäftigkeit vortäuschen, um der Gefahr der Deportation zu entgehen. Als die Front näher rückte wurde das Lager evakuiert. Viele Tage waren die Frauen unterwegs, bis sie schließlich doch als einer der wenigen Transporte nach Theresienstadt kamen. Hier wurden sie im Mai 1945 von den sowjetischen Truppen befreit.

Bild: Gedenktafel im Betriebsgelände der ehemaligen Agricola-GmbH

Bild: Weg durch Oederan
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Der Weg der Häftlingsfrauen vom Bahnhof zum Rüstungsbetrieb führte mitten durch Oederan. Niemand kümmerte sich um die Kolonnen der ausgezehrten Frauen. Aber in dem Betrieb selbst gab es manchen einfachen Arbeiter, der ihnen heimlich Essen zusteckte. Grete Salus erinnerte ich besonders an Else Schröter, die ihr trotz der drohenden Gefahr immer wieder half. Viele Jahre später erhielten die beiden Frauen wieder Nachricht voneinander.

Bild: Francis Lanzer und Grete Salus mit Tochter Nomi
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Grete Salus hatte überlebt. Das kommt einem Wunder gleich, denn eigentlich war das Ziel: "Vernichtung durch Arbeit". Als das Ausmaß dieser Vernichtung bekannt wurde, litten viele Überlebende an dem Umstand, wieso gerade sie überlebt hatten. So ging es auch Grete Salus. Sie war arbeitsunfähig und schwer krank. In Prag lernte sie 1945 einen Leidensgefährten kennen: Francis Lanzer. Auch er war ein KZ-Überlebender. Aus ihrer Verbindung ging eine Tochter hervor: Nomi. Doch die Eltern blieben nicht zusammen. Die Last der Vergangenheit bestimmte und bedrückte die Beziehung zu stark. Francis starb 1956 in Israel.

Bild: Francis Lanzer und Grete Salus mit Tochter Nomi 1947 in Prag

Bild: Alfred Gronner
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Der einzige Überlebende ihrer Familie war neben Grete Salus ihr Bruder Alfred Gronner, der rechzeitig nach Palästina gegangen war. Er holte Grete mit ihrer Tochter 1948 nach.

Bild: Tanzunterricht im Kinder- und Jugenddorf "Hadassim"
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In Israel gab Grete Tanzunterricht in dem Kinder- und Jugenddorf "Hadassim", das sich um elternlose Kinder kümmert. Anfangs waren die vor allem Waisen, die ihre Eltern durch den Holocaust verloren hatten.

Bild: "Eine Frau erzählt"
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1958 wurden die Erinnerungen von Grete Salus erstmals unter dem Titel "Eine Frau erzählt" veröffentlicht. Ihr Bericht gehört zu den frühesten Zeugnissen dieser Art. Das nebenstehende Deckblatt zeigt die Neuauflage von 1981. Zu der Veröffentlichung gab es viele Leserbriefe. Eine Frau schrieb: "Du hast viel mitgemacht, aber höre, was ich beim Einmarsch der Russen mitgemacht habe." Grete antwortete im Vorwort der Neuauflage: "hier liegt das große Missverständnis, wir führten keinen Krieg. Wir waren ja nur Juden, ausgeliefert diesem tödlichen Hassgedanken einer unfassbaren Ideologie. Diese machte uns zur verächtlichen Rasse, die unbedingt vernichtet werden musste."

Das Buch von Grete Salus konnte dank der Initiative von 4 Dresdnern im Jahr 2005 nochmals erscheinen und damit erstmals im Osten Deutschlands. Der Originaltext wurde mit Angaben über das weitere Leben von Grete Salus und ihrer Familie ergänzt. Die Buchpremiere fand 2005 am Tag des Offenen Denkmals in dem ehemaligen Schlafsaal der Häftlinge im Arbeitslager Oederan statt. Schüler des Freiberger Geschwister-Scholl-Gymnasiums boten hierzu eine beeindruckende Tanzperformance, die sie im Rahmen eines Theaterprojektes zu Grete Salus entwickelt hatten. Der unmittelbare Eindruck des originalen Raumes wurde durch eine Führung des CJD Freiberg durch das Betriebsgelände der früheren Agricola-GmbH noch verstärkt.

Bild: Buchcover
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(Forum Verlag Leipzig: Grete Salus, Ein Engel war nicht dort - ein Leben wider den Schatten von Auschwitz; ISBN 3-931801-52-7)

Bild: Nomi Bar-Shavit
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Nomi Bar-Shavit, geboren am 23. September 1947 in Prag, ist die Tochter von Grete Salus und Francis Lanzer. Heute lebt sie in der jüdischen Siedlung Ariel in der Westbank und arbeitet dort als Englischlehrerin. Nomi ist selbst Mutter von drei Kindern. Ihre Tochter Shiraz war der Großmutter besonders angetan, besuchte sie oft und erfuhr viel über ihr Leben. Gemeinsam mit der Übersetzerin Leah Alon gelang es ihnen, den Lebensbericht von Grete Salus auch in hebräisch zu veröffentlichen. Die Neuerscheinung des Buches war ein großer Wunsch von Grete Salus. Doch sie erlebte das neue Buch in Israel leider nicht mehr. Im Alter von 85 Jahren verstarb Grete Salus am 2. Februar 1996 in Nethanya/Israel.

Bild: Brief
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Grete Salus war es stets wichtig, die Erinnerung wach zu halten: "Dies soll den Menschen, speziell der Jugend, vor Augen führen, was Massenhypnose vermag und wie sie Menschen, normale Menschen wie Dich und mich, zu Mördern werden lässt. Wie machtvoll ist der Herdentrieb und das kritiklose Hinnehmen von klingenden Parolen, die Menschen in den tiefsten Abgrund des Verbrechens herabdrücken können!"

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