Familienschicksale der NS-Zeit

 

Bild: Grabstein
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Drei Namen sind auf dem Grabstein verzeichnet - zwei Generationen mit dem gleichen Todesdatum. Ein solcher Grabstein wirft Fragen auf.

Bild: Familie Krell
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Josef Krell (geb.12.12.1876 in Tarnopol) und Margarethe hatten zwei Söhne. Fritz (geb. 13.04.1906) und Werner (geb.04.09.1908). Sie planten 1938 die Ausreise in die USA. Doch Josef und Werner waren sehr krank. Der Vater befürchtete, dass sie so nie eine Einreiseerlaubnis bekommen würden. Am 21. Mai 1938 luden sie Sohn Fritz zu einem Abendessen in ihr Haus ein. Beim Abschied hatte Fritz ein ungutes Gefühl. Etwas stimmte nicht. Am nächsten Morgen erfuhr er von der Polizei, dass sich seine Familie in der Nacht mit Autoabgasen das Leben genommen hatte. Sie wussten, dass er ohne sie Deutschland nie verlassen hätte. Nun retteten sie ihm mit ihrem Selbstmord das Leben. Fritz Krell entkam über Cuba in die USA. 1941 heiratete er eine Frau, die wie er aus Deutschland geflüchtet war. Die Erinnerung an diese Zeit verfolgten ihn und hinterließen eine gewisse Traurigkeit. Seine Tochter Margaret - nach der Großmutter benannt - wurde Schriftstellerin und verfasste darüber eine sehr berührende Erzählung. Fritz Krell war nach 1945 oft in Deutschland - aber nie wieder in Dresden. 1981 ist er in den USA gestorben.

Bild: Schuhgeschäft Sommer
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Margarethe Krell, geb. Sommer (geb. 18.04.1878), entstammte einer wohlhabenden und alteingesessenen Familie Dresdens. über Jahrzehnte führte ihre Familie im Zentrum Dresdens mehrere Filialen des Schuhgeschäftes Sommer - dem ältesten Schuhhaus der Stadt. 1938 wurden die Geschäfte durch die SS geschlossen.

 

Bild: Grabstein
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Leo Bein
GEB. 5.9.1894

Günther Bein
GEB. 3.3.1920
UMGEKOMMEN 1.10.1942
KZ MAUTHAUSEN

LIDDY BEIN
GEB. 27.2.1896
GEST. 4.11. 1983

Bild: Familie Bein
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Leo Bein (geb. am 05.09.1894 in Lissa) war Soldat im 1. Weltkrieg, wo er das Eiserne Kreuz verliehen bekam. In Dresden arbeitete er als Verkäufer für Textilien in einem Kaufhaus. Er hatte 1920 Liddy Johanna Hüttner (27.02.1896 - 04.11.1983) aus Dresden-Laubegast geheiratet, die der evangelisch-lutherischen Konfession angehörte. Ihr gemeinsamer Sohn Heinz Günther (geb. am 03.03. 1920) wurde jüdisch erzogen und besuchte in Dresden eine Handelsschule. Sowohl die Weltkriegsteilnahme als auch die Mischehe schienen in der NS-Zeit für Familie Bein eine gewisse Sicherheit zu bieten. Deshalb blieben sie in Dresden. Dass diese Sicherheit trügerisch war, ahnten sie nicht. 1941 wurden Vater und Sohn plötzlich verhaftet, weil sie angeblich zu wenig für eine Stoffsammlung abgeliefert hatten.

Bild: Ausweis
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Am 04.10.1942 erhielt die Frau aus dem KZ Mauthausen die Nachricht, dass beide "auf der Flucht" erschossen worden seien. In einem Karton wurden ihr die Aschereste überstellt. So konnten sie auf dem Friedhof bestattet werden. Täglich besuchte Frau Bein das Grab. Die jüdische Gemeinde erfüllte ihren Wunsch sie nach dem Tod mit in dem Grab ihrer Familie beizusetzen.

 

Bild: Grabstein
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Grabstelle der Familie Anusiewicz: Leon Anusiewicz möchte bei seiner Frau begraben werden. Der Platz ist deshalb für ihn reserviert.

Bild: Leon Anusiewicz an der Seite seiner Freundin Marianne Thielscher
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Einigen Familien gelang zwar rechtzeitig die Flucht aus Deutschland, es folgte aber oft ein Leben ohne wirkliche Heimat und mit auseinander gerissenen Familien. Leon Anusiewicz (29.04.1911) kam mit seiner Familie als 5jähriger aus Saratow nach Dresden. Schon vor 1933 hatte Leon Auseinandersetzungen mit Nazis. Deshalb floh er noch im selben Jahr nach Paris, als diese an die Macht kamen. Kurz danach folgte ihm seine Freundin Marianne Thielscher - eine Christin aus Dresden. Beide heirateten und Marianne trat zum Judentum über. In Paris hielten sie sich mit Lederarbeiten über Wasser, bis sie 1937 nach Südamerika (Chile) ausreisten. Leons Eltern, Gela und Jakov Anusiewicz mussten 1938 nach Polen zurück, wo sie wahrscheinlich umkamen. Leon und Marianne hatten stets Sehnsucht nach der alten Heimat. Deshalb kehrten sie 1949 nach Dresden zurück.
Bild rechts: Leon Anusiewicz an der Seite seiner Freundin Marianne Thielscher 1932 noch in Dresden

Bild: Marianne Anusiewicz
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1951 kam Sohn Ramon zur Welt. 1953 wurde Leon verhaftet, der als Kaufhausdirektor gearbeitet hatte. Zum 17.Juni 1953 kam er wieder frei. Die Familie wanderte nach Brasilien aus. Jedoch vertrug Sohn Ramon das Klima nicht, deshalb kehrte die Familie nach Europa zurück. Das Foto zeigt Marianne und Ramon 1954 in Spanien. 1958 kamen sie wieder nach Dresden. In Radebeul eröffnete Leon ein erfolgreiches Geschäft für Damen- und Kinderbekleidung.
Marianne Anusiewicz starb im Alter von 70 Jahren am 8. April 1982.

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