Familie Isidor Sieradzki

Bild: Familie Sieradzki
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Isidor und Minna Sieradzki mit ihren drei Kindern

Isidor (geb. am 27.Juli 1884 in Petrikov, Gouvernement Minsk) und Minna Sieradzki (geb.Krongold aus Leipzig) kamen kurz nach ihrer Heirat im Jahre 1909 nach Freiberg. Sie eröffneten auf der Burgstraße 24 - der "Goldenen 24" - einen Tabakwarenladen. Sie wohnten bis 1933 in der Donatsgasse.

Isidor Sieradzki galt als zugewanderter, staatenloser "Ostjude". Er bekam antisemitische Demütigungen schon lange vor 1933 zu spüren. So war es kein Zufall, dass sein kleiner Laden der erste war, der unmittelbar nach der Machtergreifung der Nazis schließen musste. Als "russisch-österreichischer" Jude hatte er von Anfang an keine Bürgerrechte und gehörte für die Nazis damit zu jenen Juden, derer sie sich am schnellsten und ohne Rücksichtnahme "entledigten". Nach der erzwungenen Geschäftsauflösung zogen die Sieradzkis, bis zu ihrer Auswanderung nach Palästina, in das 3.Stockwerk der "Goldenen 24" in der Burgstraße.

Bild: Kinder Sieradzki
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Bild: Die Kinder der Sieradzkis: Margarete, Rosi und Hans (bei einer Aufführung im Theaterverein)

Margarete (geb. 15.Dezember 1910), besuchte die Höhere Mädchenschule in Freiberg und arbeitete danach als Privatsekretärin in der "Sächsischen Knappschaftskasse" in der Burgstraße. Kurz nach Machtantritt der Nazis heiratete sie den Chemie-Ingenieur Erwin Wallerstein, der am Braunkohleforschungsinstitut der Bergakademie tätig war. Beide wurden im April 1933 von den Nazis auf der Grundlage des "Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" entlassen und wanderten kurz darauf nach Palästina aus. Die Wallersteins hatten zwei Kinder. Margarete verstarb 1982 in Israel. Hans (geb. 7.August 1916) ging in die Knabenbürgerschule und besuchte für ein Jahr das Realgymnasium, bevor er von dort als Jude vertrieben wurde. Seine Lehre machte er an der Deutschen Gerberschule, wo er auch seine Gesellenprüfung ablegte. Nach seiner Entlassung 1933 ging er nach Leipzig in einen "Hachscharah-Kibbuz", das junge, zur Auswanderung entschlossene Juden auf ein Siedlerleben in Palästina vorbereitete. In dieser landwirtschaftlichen Ausbildungsstätte lernte er Erich Springer - den späteren Ehemann von Rosi - kennen. Als letzter seiner Familie wanderte Hans 1936 nach Palästina aus und ging in einen Kibbuz. Dort lernte er in Abendkursen das Bauhandwerk am Technikum in Haifa und wurde Bauführer für die Kibbuzin in der Haifaer Umgebung. Ein Jahr lang leitete er verschiedene Projekte in Ghana. 1979 verstarb Hans in Israel und hinterließ Frau, eine Tochter und einen Sohn.

Bild: Familie Sieradzki im August 1933
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Die Familie Sieradzki im August 1933
vlnr.: Tochter Margarete Wallerstein geb. Sieradzki, Schwiegersohn Erwin Wallerstein, Tochter Rosi, Eltern Isidor und Minna Sieradzki, Sohn Hans

Bild: "Goldene 24"
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Die "Goldene 24" in der Burgstraße heute

Bild: Angestellte und Schüler der dt.Gerberschule, Rosi - 2. von rechts
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Bild: Angestellte und Schüler der Deutschen Gerberschule in Freiberg; Rosi - 2. von rechts

Rosi (geb. 24.Oktober 1914) hatte die Schule in der Körnerstraße besucht und durfte ab der 4.Klasse aufgrund ihrer besonders guten schulischen Leistungen in die "Begabtenklasse" wechseln. Nach Beendigung der Schulzeit lernte sie den Beruf einer Gerberei-Laborantin in der Deutschen Gerberschule und gehörte zu den ersten, die 1933 entlassen wurden. Bis zum Juni 1935 erlernte sie dann land- und hauswirtschaftliche Fähigkeiten in einer jüdischen Ausbildungsstätte - dem Schocken-Gut in Spreehagen bei Berlin, um sich auf ihre Auswanderung nach Palästina vorzubereiten.
Bild rechts: Angestellte und Schüler der dt.Gerberschule, Rosi - 2. von rechts

Für Rosi Springer war der Neubeginn in Palästina sehr schwer: "Ich nahm jede Arbeit auf, die sich mir bot: Windeln waschen, Fußböden reinigen, Treppenhäuser in Ordnung halten, also jede schmutzige Arbeit! Endlich bot sich mir eine Stellung bei einer Frauenärztin, deren Ehemann Orthopäde war. Sie hatten einen Sohn, etwa elf Jahre alt. Da musste ich nicht nur die Wohnung mit dem Ordinationszimmer in Ordnung halten, für drei Personen kochen, backen und waschen, sondern auch der Frau Doktor in der Ordination zur Hand gehen. Da gab es keinen Acht-Stunden-Tag und auch jeden zweiten Schabbat musste ich zur Arbeit antreten. Ich machte das, bis ich heiratete."

Bild: Rosi Springer
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1992 - Rosi Springer zu Besuch in Freiberg - zum ersten Mal seit 57 Jahren nach ihrer Vertreibung durch die Nazis.

1939 heiratete Rosi ihren Mann Erich Springer in Kiriat Chaim / damals Palästina. Am 29. September 1946 kam ihr gemeinsamer Sohn zur Welt. Rosi Springer ist Mitte der 90er Jahre verstorben.

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