Familien Meyer Taubenschlag und Abraham Wolff

Bild: Grabstätte der Familie Taubenschlag
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Die Grabstätte der Familie Taubenschlag auf dem Neuen Israelitischen Friedhof in Dresden

Meyer Taubenschlag
Geb. 24. Oktober 1855
Gest. 19.Mai 1911
Fanny Taubenschlag
Geb. 7. April 1859
Gest. 21. März 1912

Die Familie Taubenschlag kam ursprünglich aus Tarnów (Tarnau), nach Lemberg und Krakau die drittgrößte Stadt im damaligen österreichischen Kronland Galizien (seit 1918 Malopolska, Wojewodschaft im Süden Polens).

Salomon und Frimet Taubenschlag hatten 7 Kinder, darunter die Söhne Meyer (ging nach Freiberg/Sachsen) und Isidor (ging nach Jastrow/Westpreußen, poln.: Jastrowie, Wielkopolska - Nordwestpolen).

Meyer (auch "Mayer" oder "Max") Taubenschlag (geb. 24. Oktober 1855 in Tarnow/Preußen) heiratete am 14.11.1883 in Jastrow Fanny, geb. Rothenberg (geb. 7. April 1859 in Jastrow/Preußen). Sie kamen vermutlich 1886 aus Galizien nach Freiberg. Ihre erste Wohnung war in der Enge Gasse 23; seit 1897 bezogen sie eine neu gebaute Villa in der Weisbachstraße 23.

Unternehmen:
1886 - 1901 (Konkurs): Schnittwaren- und Bettfederhandlung; Enge Gasse 2
1901 - 1905: Manufaktur Kurz-, Weißwaren und Wirtschaftsartikel, Borngasse 6
1902 - 1911: Fabrikation von Holzartikeln ("Gardinenleistenfabrik M.S. Taubenschlag", Borngasse 11, später dann Frauensteiner Straße 13 - Eingang: Schmiedestraße)
Bild: Die Frauensteiner Strasse 13 (Eingang Schmiedestraße), ehemalige Holzartikel-Fabrik der Familie Taubenschlag. Im gleichen Gelände gründete Moritz Stecher seine Firma Lederwerke und Militäreffektenfabrik. Nach 1945 "VEB Lederwaren Nikator"
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Bild: Die Frauensteiner Strasse 13 (Eingang Schmiedestraße), ehemalige Holzartikel-Fabrik der Familie Taubenschlag. Im gleichen Gelände gründete Moritz Stecher seine Firma Lederwerke und Militäreffektenfabrik. Nach 1945 "VEB Lederwaren Nikator"

Am 20. Februar 1908 wurde sie aufgrund eines Konkursverfahrens in "Sächsische Gardinenleistenfabrik M.S. Taubenschlag" umbenannt. Nach dem Tod von Meyer T. am 19.05.1911 führte seine Frau Fanny das Geschäft. Sie starb am 21. März 1912. Die Grabstätte beider befindet sich noch heute auf dem Neuen Israelitischen Friedhof in Dresden.

Am 15. August 1912 wurde die Fabrik durch Erbschaft an die Kinder Selmar, Meta Sophie und Frieda überschrieben.

Meyer und Fanny Taubenschlag hatten acht Kinder: fünf Söhne und drei Töchter. Die älteste Tochter Paula wurde am 2. Oktober 1886 in Johannisburg (Ostpreußen - poln.: Pisz) geboren und heiratete am 12.12.1910 in Freiberg den Kaufmann Max Brück aus Breslau. Von 1906 - 1909 führte Paula eine Damenschneiderei in dem Gebäude Borngasse 7, das den Taubenschlags bis etwa 1921 gehörte. Nach ihrer Hochzeit gab Paula ihre Berufstätigkeit auf und zog mit ihrem Mann nach Breslau. Ihr Ehemann verstarb 1926.

Ihr Sohn Günther, geb. 1920, konnte vor dem Naziterror nach Südamerika (Uruguay) fliehen. Paula Brück kam 1942 im KZ Auschwitz um.

Die Söhne Selmar (geb. 18. August 1889 in Freiberg) und Erhardt (geb. 8. August 1898 in Freiberg), fielen auf den Schlachtfeldern des ersten Weltkrieges.

Bild: Gedenktafel auf den Neuen Israelischen Friedhof in Dresden
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Bild: Gedenktafel auf dem Neuen Israelitischen Friedhof in Dresden (Nordseite) für die Gefallenen der Jüdischen Gemeinde im I. Weltkrieg.
Selmar Taubenschlag (8. Name von unten)
Erhard Taubenschlag (letzter Name)

Selmar war Gesellschafter der offenen Handelsgesellschaft "Sächsische Gardinenfabrik M.S. Taubenschlag" gewesen. Mit 25 Jahren fiel er am 27. November 1914 als Soldat in Molenaarelsthoek/Belgien.

Erhardt, der in Freiberg das Realgymnasium besucht hatte, ist mit 20 Jahren, am 04.11.1918 als Gefreiter gefallen und am 20.10.1920 auf dem deutschen Militärfriedhof in Landrecies/Frankreich begraben (Grab Nr.274 - Gedenkstein auf dem Neuen Jüdischen Friedhof in Dresden).

Walter Rudolph (geb. am 1. Oktober 1895 in Freiberg), Kaufmann; Teilnehmer am 1. Weltkrieg, 1919 in amerikanischer Kriegsgefangenschaft. 1923 nach Breslau verzogen. Mit seiner Ehefrau Henny Sara, geb. Memison (geb. 11. September 1903) hatte er eine Tochter, Steffi Sara (geb. 24. September 1929 in Breslau), Emigration 1939 nach Shanghai/China.

Arno (geb. 11.11.1892 in Freiberg), 1903 - 1909 Realgymnasium in Freiberg, Kaufmannslehre; am 12.03.1911 in Freiberg verstorben (Grabstelle auf dem Neuen Israelitischen Friedhof in Dresden)

Bild: Arno Taubenschlag
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Bild: Grabstätte von Arno Taubenschlag auf dem Neuen Israelitischen Friedhof in Dresden

Frieda (geb. am 24. August 1890 in Freiberg), Kauffrau, heiratete am 10.04.1919 den Kaufmann Harry Tomann Brodziak in Freiberg; 1939 Flucht nach Bolivien (hier verstirbt 1942 ihr Ehemann) und in die USA.

Bild: sog. Judenkennkarte für Frieda Brodziak, geb. Taubenschlag
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Charlotte Rosa (geb. am 30 August 1899 in Freiberg), Geigerin, verzogen nach Breslau, weiteres Schicksal unbekannt.

Meta Sophie (geb. 29. Januar 1887 in Freiberg) heiratete am 28.12.1913 in Freiberg Abraham Georg Wolff (geb. 22. Juni 1879 in Hohensalza, Provinz Posen; heute: Inowroclaw), Kunstantiquar und Buchhändler aus Bonn.

Bild: Abraham Georg Wolff
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Bild: Meta Sophie Wolff, geb. Taubenschlag
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Abraham Georg Wolff übernahm die Gardinenleistenfabrik am 8. Mai 1919. 1925 zog die Firma auf die Zuger Straße. Ab dem 1. Februar 1935 firmierte sie unter dem Namen "Sächsische Gardienenleistenfabrik G.Wolff".

Die Familie Wolff gehörte zu den weitgehend assimilierten jüdischen Familien. Jüdische Tradition und Religion waren hinter ihr Bekenntnis zum "Deutschtum" zurückgetreten. Abraham Wolff war im I. Weltkrieg mit dem Eiserne Kreuz geehrt worden. 1931 trat das Ehepaar aus der Jüdischen Gemeinde aus, im gleichen Jahr stelle A. Wolff den Antrag auf "Aufnahme in den Sächsischen Staatsverband".

Noch nach dem Machtantritt der Nazis trat er in den 1930er Jahren im Freiberger Dom zum Christentum über. Er hoffte, dass Menschlichkeit und Toleranz über den blinden Judenhass der Nazis siegen würde.

Das Ehepaar hatte zwei Kinder:

Bild: Dorothea Wolff; 2.Klasse Körnerschule Freiberg, Aufnahme 1932
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Dorothea Wolff (geb. am 25.01.1925 in Freiberg) besuchte die Höhere Handelsschule in Freiberg, ihr Bruder Manfred (geb. 28. August 1920 in Freiberg) das Gymnasium. Beide waren hochbegabte Schüler. Kurz vor dem Abitur musste Manfred 1938 das Gymnasium ohne Abschluss verlassen. Im Novemberpogrom, am 12.11.1938, wurden Manfred und Vater Abraham mit vielen anderen männlichen, erwachsenen Juden in Freiberg verhaftet und in die Gestapo-Leitstelle Dresden verbracht. Was mit dem Vater in diesen Wochen geschah, ist unbekannt; er konnte vermutlich nach relativ kurzer Zeit nach Freiberg zurückkehren. Sohn Manfred wurde für einige Wochen in ein KZ gesperrt (überliefert ist Dachau, vermutlich aber war es das KZ Buchenwald, da nahezu alle sächsischen Juden für Wochen dorthin verbracht worden waren), bis die verzweifelten Bemühungen der Eltern um Rettung für ihre Kinder Erfolg hatten. Dorothea Wolff konnte Deutschland vermutlich im Frühjahr 1939 mit einem Kindertransport nach England verlassen, Bruder Manfred entkam ebenfalls nach England.

Bild: Dorothea und Manfred Wolff in England, Aufnahme vermutlich  um 1950
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Beide waren musisch hochbegabt, Dorothea eine talentierte Pianistin, Manfred ein begnadeter Musiker. Er verdiente sein Brot mit Musik, als Dozent und Lehrer. Er starb 1983 in England. Dorothea, die in England Krankenschwester wurde, heiratete unmittelbar nach dem Krieg einen Polen, der beim Einmarsch der Deutschen im September 1939 in Polen verhaftet worden war und fürchterliche Leidensstationen im KZ Dachau und dem berüchtigten Steinbruch des KZ Gusen, einem Außenlager des KZ Mauthausen, durchlitten und überlebt hatte. 1955 wurde ihr Sohn geboren. Dorothea verstarb im Jahr 2007.

Bild: ehemaliges Wohnhaus der Familien Taubenschlag / Wolff
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Bild: Weißbachstraße 23, ehemaliges Wohnhaus der Familien Taubenschlag / Wolff

Dorothea und Manfred haben ihre Eltern nie wieder gesehen. Abraham und Meta Wolff retteten zwar ihre Kinder, sie selbst aber konnten Deutschland nicht mehr verlassen. Der Kriegsausbruch unterbrach bald alle Verbindungen zu ihren Kindern nach England. Die Eltern versuchten, bei Verwandten in Berlin, in der Anonymität der Großstadt, besseren Schutz vor den Verfolgungen der Nazideutschen zu finden. Am 21.Januar 1942 erreichte sie die schriftliche Aufforderung, sich zur "Evakuierung nach dem Osten" zu stellen. Sie zogen die Flucht in den Tod vor. An den Folgen der Selbsttötung starb Abraham Wolff am 23. Januar 1942; seine Frau Meta folgte ihm am 25.Januar 1942. Der für sie bestimmte Transport mit 1.044 Berliner Juden endete am 30. Januar 1942 in Riga. Nur 13 Deportierte überlebten.

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