"Wir waren zum Tode bestimmt"

Überlebende das KZ- Außenlagers "Freia GmbH" von Arado in Freiberg erinnern sich:
Bild: Gertrud Mielziner
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Gertrud Mielziner, vormals Harburger geb. Kohn, am 23. Juni 1910 in Memmingen.
Sie war die Tochter des Schauspielers Hugo Kessler und der Opernsängerin Martha Sandow-Handtrag. Sie war als Schauspielerin in Stuttgart unter dem Künstlernamen "Trude Kessler" bekannt. Ihr Vater starb im KZ Sobibor, ihr erster Mann in Auschwitz. Sie selber starb 1989 in den USA. In Briefen berichtete Walter Mielziner über seine Frau: "Meine verstorbene Frau hat wenig über diese Zeit gesprochen und hat Erinnerungen darüber wohl bewusst verdrängt. Sie hatte sich mit dem Vergangenen versöhnt und sich mit dem Nachkriegs-Deutschland gut zurecht gefunden und es auch einige Male besucht. Es ist schade, dass sie nicht weiß, wie man an ihrem Schicksal in Freiberg heute interessiert ist."

Bild: 1989 mit ihrem Mann Walter Mielziner

Bild: Helga Weissova-Hoskova
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Helga Weissova-Hoskova, vormals Helga Weiss, geb. am 10. November 1929 in Prag, Tochter von Otto Weiss, Bankkaufmann und Irene, geb. Fuchs, Näherin
Helga kam im Alter von 12 Jahren nach Theresienstadt, wo der Vater sie zum Malen ermunterte: "Zeichne, was du siehst." Ihre Kinderzeichnungen aus dem Ghetto sind weltberühmt. Der Vater wurde später in Auschwitz ermordet. Gemeinsam mit ihrer Mutter überlebte Helga. Sie ist heute eine internationale bekannte tschechische Malerin und Grafikerin, deren Thema immer auch der Holocaust bleibt.
"Das Schlimmste waren der Hunger, der Schmutz und die Wanzen. Wir waren immer hungrig und uns war immer kalt. Sie haben uns nicht erlaubt, etwas auf unserem Kopf zu tragen. Für die Pritsche hatte jeder nur eine dünne Decke. Ich war mit meiner Mutter auf einer Pritsche, und wir haben die beiden dünnen Decken aufeinander gelegt. Das war ein bisschen wärmer. Ende März stellte die Fabrik die Arbeiter ein und damit wurde unsere Speisezuteilung noch gekürzt. Eine Zeitlang später bekamen wir überhaupt nichts zu essen und wir suchten auf dem Feld Wurzeln."

Bild: 1996 vor einem ihrer Bilder

Bild: Esther Bauer
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Esther Bauer, vormals Esther Leiner, geb. am 13. März 1924 in Hamburg
Sie ist die Tochter des Schulleiters Dr. Alberto Jonas und der Ärztin Dr. Marie-Anna Jonas. 1942 wurde die ganze Familie nach Theresienstadt deportiert, wo der Vater starb. Die Mutter und ihr erster Mann starben in Auschwitz in der Gaskammer. Esther Bauer wanderte 1946 in die USA aus und betrieb mit ihrem zweiten Mann ein Kleidergeschäft.
"Dann hieß es eines Tages, wir gehen in die Dusche. Aha, dachten wir, nun geht es in die Gaskammer, das ist das Ende. Aber nein, es kam wirklich Wasser aus den Duschen und wir bekamen 'neue' gebrauchte Kleidung. Die brauchten uns nämlich noch als Arbeitskräfte für ihre Rüstung. Wir fuhren mehr als zwei Tage nach Freiberg in Sachsen, wo wir neun Monate lang Flugzeuge bauten. Dann hörten wir schon das Schießen der Alliierten und eines Tages wurden wir dann plötzlich in Kohlenwaggons verfrachtet."

Bild: 2003 - Besuch in Freiberg

Bild: Pola Hinenberg
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Pola Hinenberg, vormals Pola Gornicka, geb. am 11. Juli 1925 in Zgierz/Polen, Tochter des Betriebsbesitzers Gornicka.
Der Vater, Schwester Rutka und ihr Bruder Uszer überlebten dank ihrer Flucht 1939 in die Sowjetunion. Die Mutter und ihre ältere Schwester Regina starben während des Holocaust. Pola Hinenberg wanderte 1948 aus Polen nach Israel aus, wo sie heute auch lebt.
"In der Fabrik in Freiberg beaufsichtigte mich ein mir gegenüber unfreundlich eingestellter Meister. Offensichtlich um mich zu verbittern beugte er sich oft über mich und aß dabei eine mit wohlriechendem Schinken oder Wurst belegte Semmel. Nur mit großer Willenskraft konnte ich mich zurückhalten, ihm nicht die Semmel wegzureißen und zu essen. In dieser Fabrik traf ich aber auch einen Menschen, der mir viel Wohlwollen entgegenbrachte. Der Magazinverwalter drückte mir heimlich einen Apfel, auch mal zwei Scheiben Brot mit Marmelade oder Quark in die Hand."

Bild: Im Jahre 2000 bei ihrem Besuch in Dresden auf Einladung des CJD in Freiberg

Bild: Hana Reinerova
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Hana Reinerova, vormals Hana Steiner, geb. 1921 in Benešov bei Prag.
Als Kind wuchs Hana anfangs in Russe auf (Bulgarien). 1932 siedelte die Familie in die Tschechoslowakei zurück. Sie war die einzige ihrer Familie, die den Holocaust überlebte. Überlebt hat auch ihr Mann, der Komponist Dr. Karel Reiner (1910 - 1979), den sie 1943 im Ghetto Theresienstadt kennenlernte. Sie studierte nach dem Krieg slawische Philologie und arbeitete als Übersetzerin.
"Zu den besonders eindrucksvollen Erinnerungen an Freiberg gehört für mich ein Dialog mit meinem Meister in der 'Freia-GmbH', Otto Rauch. Mit Handbewegungen, ohne Worte, schickte er mich irgendein Werkzeug holen, aber ich brachte nicht das richtige. Wütend packte er mich am Kleid und schlug mich gegen das Gerüst. Ich war empört. Wenn er etwas will, müsse er es mir erklären. Rauch war perplex, dass dieses einer Vogelscheuche ähnliche Geschöpf ihn anredet und sogar auf Deutsch."

Bild: 1996 bei ihrem Besuch in Freiberg

Bild: Irena Liebmann
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Irena Liebmann, geb. 1925 in Lodz
Irena Liebmann wurde 1944 nach Auschwitz deportiert. Die Eltern wurden in Chelmno ermordet. 1946 wanderte Irena aus Polen nach Israel aus. Sie ist hier eine bekannte Schriftstellerin geworden, die vor allem Kinderbücher schreibt. Deutschen und polnischen Boden vermag sie nicht mehr zu betreten. Sie steht aber mit der Projektgruppe "Shalom" des CJD Chemnitz in brieflichen Kontakt.
"Unser Transport war der Erste, der gleich von Birkenau nach Freiberg kam. Von unserer Gruppe sind nur einzelne dort gestorben. Besonders gut erinnere ich mich meines tagtäglichen Kampfes mit den Läusen. Darin war ich eine hervorragende Meisterin. Es waren Körperläuse, die Fleckfieber übertragen konnten. Jetzt, wenn ich darüber nachdenke, finde ich, dass die Läuse damals die einzigen 'Tiere' in dem zoologischen Wörterbuch waren, die weniger Wert hatten als Juden, denn selbst ich durfte sie töten. Das war meine Rache. Oh, großer Gott, wo warst du?"

Bild: 1996 im Kibbuz Gaatan Israel

Bild: Henia Fenik
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Henia Fenik, geb. am 1. November 1925 in Polen
1940 kam sie als 16-jährige mit ihren Eltern und drei Brüdern in das Ghetto Lodz. Hier starb ihr Vater an Typhus. 1944 kam sie über Auschwitz nach Freiberg. Nach dem Krieg wanderte sie nach Palästina aus. Sie wurde Schneiderin und lebt heute in Ness Ziona in Israel (seit 1996 Partnerstadt von Freiberg).
"Als wir in Auschwitz ankamen, hörten wir die Schreie der Menschen und sahen den Rauch aus den Schornsteinen. 'Dort brennen die Juden.' sagte uns eine Polin. In nur vier Tagen blieben von vierzigtausend Menschen, die mit uns aus dem Ghetto Lodz in Auschwitz ankamen, eintausend übrig. Als wir in Freiberg ankamen, trieb uns die SS im Schutz der Dunkelheit durch die Stadt zur Arbeit. Im Dämmerlicht sahen wir, wo hinter den Fenstern die Vorhänge wackelten."

Bild: Im Jahr 2000 auf Einladung des CJD in Freiberg

Bild: Frauengruppe
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Eine Reise gegen das Vergessen: Im Jahr 2000 wurde eine Gruppe von 33 Frauen, die 1944 bis 1945 in Freiberg Zwangsarbeit leisten mussten, durch das CJD zu einem Besuch eingeladen. Für viele Frauen war es die erste Wiederbegegnung mit dieser Stadt. "Vergesst nicht, dass Hass alle Brücken verbrennt und zerstört. Wir müssen wenigstens versuchen, neue Brücken zu bauen und an eine bessere Welt glauben." (Irena Liebmann)

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