Burgstraße 24 (heute 22)

Zigaretten- und Tabakwarengeschäft der Familie Sieradzki
Burgstraße 22
Burgstraße 22

Isidor und Minna Sieradzki (geb. Krongold in Leipzig) kamen kurz nach ihrer Heirat im Jahre 1909 nach Freiberg.
Isidor Sieradzki, geboren am 27.07.1884 in Petrikov, Gouvernement Minsk, eröffnete auf der Burgstraße 24 einen Zigarren-, Zigaretten- und Tabakwarenladen. Sie wohnten bis 1933 in der Donatsgasse.

Isidor Sieradzki galt als zugewanderter, staatenloser "Ostjude". Er bekam antisemitische Demütigungen schon lange vor 1933 zu spüren. So war es kein Zufall, dass sein kleiner Laden der erste war, der unmittelbar nach der Machtergreifung der Nazis schließen musste. Als "russisch-österreichischer" Jude hatte er von Anfang an keine Bürgerrechte und gehörte für die Nazis damit zu jenen Juden, derer sie sich am schnellsten und ohne jede Rücksichtnahme "entledigten". Nach der Geschäftsauflösung zogen die Sieradzkis bis zu ihrer Auswanderung nach Palästina in das 3. Stockwerk der "Goldenen 24" in der Burgstraße.

Aus der Ehe von Minna und Isidor Sieradzki gingen drei Kinder hervor: Margarete (geb. 15.12.1910), Rosi (geb. 24.10.1914) und Hans (geb. 7.10.1916).

Margarete besuchte die Höhere Mädchenschule in Freiberg und arbeitete danach als Privatsekretärin in der "Sächsischen Knappschaftskasse" in der Buchstraße. Kurz vor dem Machtantritt der Nazis heiratete sie den Chemie-Ingenieur Erwin Wallerstein, der am Braunkohlenforschungsinstitut der Bergakademie tätig war. Beide wurden im April 1933 von den Nazis auf der Grundlage des "Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" entlassen und wanderten kurz darauf nach Palästina aus. Die Wallersteins hatten zwei Kinder. Margarete verstarb 1982 in Israel.

Angestellte und Schüler der Deutschen Gerberschule
Angestellte und Schüler der Deutschen Gerberschule vordere Reihe, Zweite v. r.: Rosi Springer

Rosi hatte die Schule in der Körnerstraße besucht und durfte nach der 4. Klasse aufgrund ihrer besonders guten Leistungen in die "Begabtenklasse" wechseln. Sie erlernte mit 16 den Beruf einer Gerberei-Laborantin an der Deutschen Gerberschule (Terrassengasse).

Auch sie wurde noch im April 1933 aus ihrem Beruf verjagt. Sie erlernte bis zum Juni 1935 land- und hauswirtschaftliche Fähigkeiten in einer jüdischen Ausbildungsstätte - dem Schocken-Gut in Spreenhagen bei Berlin, um sich auf ihre Auswanderung nach Palästina vorzubereiten, die ihr 1935 gelang.

Erich Springer mit seiner Frau Rosi
Erich Springer in der Uniform der Küstenwache 1942 in Palästina mit seiner Frau Rosi.

Für Rosi Springer war der Neubeginn in Palästina sehr schwer.

"Ich nahm jede Arbeit auf, die sich mir bot, Windeln waschen, Fußböden reinigen, Treppenhäuser in Ordnung halten, also jede schmutzige Arbeit! Endlich bot sich mir eine Stellung bei einer Frauenärztin, deren Ehemann Orthopäde war. Sie hatten einen Sohn, etwa elf Jahre alt. Da musste ich nicht nur die Wohnung mit dem Ordinationszimmer in Ordnung halten, für drei Personen kochen, backen und waschen, sondern auch der Frau Doktor in der Ordination zur Hand gehen. Da gab es keinen Acht-Stunden-Tag. Auch jeden zweiten Schabbat musste ich zur Arbeit antreten. Ich machte das, bis ich heiratete."

1939 heiratete Rosi in Kiriat Chaim Erich Springer; 1946 kam ihr Sohn zur Welt.

Rosi Springer bei ihrem Besuch 1992 in Freiberg:

Empfang bei Oberbürgermeister Konrad Heinze
Empfang bei Oberbürgermeister Konrad Heinze
Stadtrundgang mit Herrn Dr. Düsing
Stadtrundgang mit Herrn Dr. Düsing

Hans ging in die Knabenbürgerschule und besuchte für ein Jahr das Realgymnasium, bevor er von dort als Jude vertrieben wurde.

Seine Lehre machte er an der Deutschen Gerberschule, wo er auch seine Gesellenprüfung ablegte.

Nach seiner Entlassung 1933 ging er nach Leipzig in ein "Hachscharah-Kibbuz", das junge, auswanderungsentschlossene Juden auf ein Siedlerleben in Palästina vorbereitete.

In dieser landwirtschaftlichen Ausbildungsstätte lernte er Erich Springer - den späteren Ehemann von Rosi - kennen.

Als letzter seiner Familie wanderte er 1936 nach Palästina aus und ging dort in ein Kibbuz. Dort lernte er in Abendkursen das Bauhandwerk am Haifaer Technikum und wurde Bauführer für die Kibbuzim in der Haifaer Umgebung.

Ein Jahr lang leitete er verschiedene Projekte in Ghana.

1979 verstarb Hans im heutigen Israel und hinterließ Frau, eine Tochter und einen Sohn.

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