Frauensteiner Straße 43

"Freia GmbH" - Außenlager des KZ Flossenbürg 1944/45
Die "Freia GmbH"
Die "Freia GmbH"

Im Fabrikkomplex hinter dem heutigen Landratsamt Freiberg an der Frauensteiner Straße 43 befand sich in den letzten Kriegsjahren ein Betriebsteil der Potsdam-Babelsberger Arado-Flugzeugwerke, in dem Flugzeugteile für die Nazi-Luftwaffe produziert wurden. 1943 war diese Fabrikation unter dem Tarnnamen "Freia GmbH" in den Werkhallen der ehemaligen Porzellanfabrik Kahla, Betriebsteil Freiberg, eingerichtet worden.

Um Arbeitskräfte zu sichern, setzten die Nazis hier zunächst neben Kriegsgefangenen auch zivile Zwangsarbeiter u. a. aus Italien, Belgien, den Niederlanden und Frankreich ein.

Am 31. August 1944 traf ein erster Transport polnischer Jüdinnen aus dem Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ein, die dort zur Zwangsarbeit in der "Freia GmbH" ausgesucht worden waren. Mit zwei weiteren Transporten bis zum Oktober 1944 kamen insgesamt 1.000 jüdische Mädchen und Frauen aus Auschwitz nach Freiberg. Außer rund 500 polnischen Frauen wurden viele tschechische, slowakische und ungarische Jüdinnen zur Zwangsarbeit hierher deportiert. Sie waren von den Nazis aus den Ghettos Lodz und Theresienstadt bzw. direkt aus Bratislava (Preßburg) nach Auschwitz gebracht worden und erlitten dort die Hölle der Selektion. Viele ihrer Verwandten und Freunde wurden von der SS sofort ermordet. Unter unmenschlichen Bedingungen mussten die Frauen täglich 12 - 14 Stunden bei schlechtester Verpflegung und unter ständigen Demütigungen Flügel für das Jagdflugzeug Me 109 herstellen.

Flugzeugfabrik in Freiberg
Flugzeugfabrik in Freiberg

Ein Außenkommando war in der Firma Hildebrand, einem Werk für optische Präzisionsinstrumente, eingesetzt.

Helga Weiss
Helga Weiss kurz nach dem Krieg

Die Jüngste unter ihnen, die 14-jährige Tschechin Helga Weiss, berichtete:

"Täglich gibt es eine Kürbissuppe (einen Liter pro Person), lauter Wasser, und so hat man nach einer Stunde wieder Hunger. Brot bekommen wir 400 Gramm...Wir arbeiten in einer Flugzeugfabrik, in Schichten von 24 Uhr bis zwölf Uhr. Vorige Woche hatten wir von zwölf Uhr bis Mitternacht. Das ging noch. Diese Woche geht unsere Schicht von Mitternacht an, und so können wir gar nicht ausschlafen. Mittags kommen wir nach Hause, dann stehen wir eine Stunde Appell. Inzwischen wird die Suppe ganz kalt. Nach dem Essen gehen wir uns waschen, und ehe wir im Bett sind, ist es 15 Uhr. Wir schlafen etwa eineinhalb Stunden. Dann wird das Brot verteilt...Bis auch die Zulagen (Brotaufstrich, zehn Gramm Margarine, und ein kleiner Löffel Marmelade) verteilt sind, wird es 18 Uhr. Um 20 Uhr wird der Kaffee gebracht. Zwischen der Austeilung macht der Stubendienst solchen Lärm, dass man nicht schlafen kann... Ich weiß nicht, wie ich das durchstehen soll..."

Lisa Miková und Eva Stichova
rechts Lisa Miková, links Eva Stichová

Und Lisa Miková erinnert sich:

"Meine Bekleidung war katastrophal. In Auschwitz hatte ich von einer SS-Aufseherin ein Sommerkleid und einen Sommermantel zugeworfen bekommen. Und Holzschuhe. Das war alles. Keine Unterwäsche, keine Strümpfe, nichts. Wir waren schnell angezogen, weil wir nichts zum Anziehen hatten. In der Fabrik war es wenigstens warm gewesen. Es gab zwar wahnsinnig viele Wanzen, aber wenigstens war es warm. Im Januar 1945 kamen wir bei eisiger Kälte in Baracken. Hier gab es keine Wanzen, weil es so furchtbar kalt war. Dafür rann das Wasser von den Wänden... Es war so kalt, dass selbst das Wasser in den Waschräumen gefroren war..."

Am 14. April 1945 wurden die Frauen in offene Waggons verladen und in 16-tägiger Irrfahrt in das KZ Mauthausen "evakuiert".

Hier wurden sie am 5. Mai 1945 von amerikanischen Truppen befreit.

Jugendliche der Gruppe "Shalom Sachsen - Böhmen" des CJD in Freiberg haben Berichte von Zeitzeugen gesammelt und im Herbst 2000 Überlebende aus Israel, Polen und Deutschland nach Freiberg eingeladen.

Herausgegeben vom CJD Chemnitz erschien im April 2002 im Forum Verlag Leipzig das Buch "Wir waren zum Tode bestimmt - Jüdische Zwangsarbeiterinnen erinnern sich", das Erinnerungen Überlebender und die Spurensuche Jugendlicher im CJD vorstellt (ISBN: 3-931801-27-6).

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