Burgstraße 24 (heute 22) "Goldene 24"

Herren-, Damen- und Knabenkonfektionsgeschäft der Familie Weinberg
"Goldene
Goldene 24

Ludwig Weinberg wurde am 4. November 1881 geboren und stammte aus einer Kaufmannsfamilie in Oldenburg. Die Weinbergs gehörten schon im 19.Jahrhundert zu den bekanntesten und angesehendsten jüdischen Familien der norddeutschen Residenzstadt. Ludwig heiratete am 13.10.1914 Erna Stensch. Sie wurde am 19. Juni 1888 in Landsberg / Warthe geboren und war eine sehr gute Schneiderin. Vermutlich kamen die Beiden im Jahre 1909, evtl. auch schon etwas früher nach Freiberg. Sie hatten zwei Kinder, Erwin und Rolf. Von Erwin ist nur bekannt, dass er sehr früh nach Palästina auswanderte und später in New York lebte, wo er 1992 verstarb. Sein jüngerer Bruder Rolf wurde am 10.03.1920 in Freiberg geboren.

Ludwig Weinberg
Ludwig Weinberg
Erna Weinberg
Erna Weinberg

Die Weinbergs besaßen zwei Geschäfte "Zur Zentrale" auf der Erbischen Strasse/Ecke Hornstraße (später Rinnengasse 1) und die "Goldene 24".

Als die Nazis an die Macht kamen, verlor Familie Weinberg viele ihrer christlichen Freunde.

Rolf Weinberg erinnert sich:

"Wir hatten viele Freunde, jüdische und christliche. Bis 1938, also kurz vor der "Kristallnacht", hat sich mein Vater vollkommen als Deutscher jüdischen Glaubens verstanden, ebenso wie meine Mutter, mein Bruder Erwin und ich. Meine ganze Familie war in Deutschland geboren. Mein Vater war Frontkämpfer im I. Weltkrieg, hatte das Eiserne Kreuz 2. Klasse und hat wirklich geglaubt, dass all das ihm und uns helfen wird, durch die Nazizeit hindurchzukommen...
Nachdem Hitler an die Macht gekommen war, hatten wir unsere christlichen Freunde verloren. Niemand wollte mit Juden gesehen werden. In meiner Schulzeit war es auch so. In meiner Klasse in der Realschule waren ca. 35 Jungen, und außer mir noch ein jüdischer. Oft hat man uns verhauen oder beschimpft. Die Lehrer konnten oder wollten uns nicht beschützen. Es war eine schwierige Zeit."

Die "Kristallnacht" hat alles geändert. Familie Weinberg musste alle Geschäfte an einen "Arier" abgeben. Das Tagebuch des Polizeireviers in Freiberg dokumentiert den Verlauf des Judenpogroms zur "Reichskristallnacht" in Freiberg ausführlich (Dok. XXVII b 116, Stadtarchiv Freiberg). Unter Eintrag 1261 ist zu lesen, dass ein Bergarbeiter im Morgengrauen des 10. November 1938 angezeigt habe, dass soeben die Schaufenster des Bekleidungshauses "Zur Zentrale", Rinnengasse 1 eingeschlagen worden seien. Die Täter seien nach der Poststrasse geflüchtet. Es wurde festgestellt, dass bei sämtlichen jüdischen Geschäften fast sämtliche Schaufenster eingeschlagen waren. Die Täter waren drei Angehörige der SA. Später, so weiter im Tagebuch, sei im Grundstück Rinnengasse 1 Feuer ausgebrochen. Noch am gleichen Abend wurde nicht etwa nach den Tätern gefahndet, sondern es erfolgten - auf Anordnung der Gestapo-Leitstelle in Dresden - bei allen Freiberger Juden, so auch bei Alfred Weinberg in der Burgstrasse, Hausdurchsuchungen, "ohne Erfolg" wie das Tagebuch festhält. Es folgte die Verhaftung mehrerer Juden in Freiberg und Dresden.

Rolf war damals 18 Jahre alt und befand sich mitten in einer Mechanikerausbildung. Er berichtet:

"Das einzig Gute während dieser Epoche war meine Mechanikerausbildung. Ein sehr anständiger Autowerkstattbesitzer hatte mich als Lehrling angestellt. Die Mitarbeiter dieser Werkstatt - ein Meister, ein Geselle und noch ein Lehrling - waren mir gegenüber sehr freundlich und waren keine Nazis, obwohl der Lehrling zur Hitlerjugend gehörte oder gehören musste. Der Besitzer versuchte, als ich nach Buchenwald kam, zweimal mich dort herauszuholen, allerdings ohne Erfolg."

Rolf Weinberg mit Ehefrau Gertrud
Rolf Weinberg mit Ehefrau Gertrud

Weil es Ludwig Weinberg gelang, Schiffskarten zu organisieren, wurde Rolf entlassen und die Familie flüchtete nach Kuba. Sie kamen Anfang des Jahres 1939 in Havanna an. Erna Weinberg hat dort für andere Flüchtlinge Änderungen und auch Neuanfertigungen genäht. Rolf führte kleinere Reparaturen an Wagen aus, ansonsten wurde die Familie wie fast alle Flüchtlinge von jüdischen Organisationen in den USA unterstützt.

Nach 2 Jahren durften die Weinbergs in die USA einreisen und zogen zu Verwandten nach Detroit. Hier machte sich Rolf mit einer Reparaturwerkstatt selbständig. Er lernt Gertrud kennen und heiratet sie 1943. Später zog er mit seiner Frau nach Los Angeles und eröffnete dort eine neue Werkstatt. Rolf hat dann noch lange als Lehrer für Automechanik an verschiedenen Collegs und technischen Schulen gearbeitet. 1984 setzte er sich in Hollywood zur Ruhe.

Rolf erzählt:

"Meine Eltern kamen auch nach Hollywood nach, und hatten hier, Gott sei Dank, noch einige friedliche Jahre. Wir haben zwei Kinder, vier Enkelkinder und drei Stiefenkelkinder. Zwei Enkelkinder konnten meine Eltern noch erleben. Mein Vater verstarb 1964 nach schwerem Leiden, meine Mutter nur ein Jahr später. Mein Onkel Alfred und meine Tante Lotte sind beide in Detroit verstorben..."

nach oben